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Bericht zur Diskussionsrunde mit Regina Mönch

Aus Anlass des 20. Jahrestages der Wiedervereinigung führte der LK PW (3. Sem.) drei Frage- und Diskussionsrunden mit Zeitzeugen aus verschiedenen politischen Richtungen (die Linke , CDU, FAZ-Redakteurin). Alle Diskussionspartner hatten die friedliche Revolution auf der Ostseite der Mauer erlebt.

Eine schicke Dame reiferen Alters (sie gibt es später unverblümt bekannt) irrt durchs Foyer. Sie verdreht die Augen und schlägt sich die Hände überm Kopf zusammen, als sie endlich von Herrn Müller aus dem Gedränge gefischt wird.  Regina Mönch ist sichtbar überfordert mit dem Durcheinander und der Lautstärke der Schulpause, denn eigentlich will sie zu den reiferen Schülern des Politikleistungskurses der 13.Klasse.  Dort will die in Pirna geborene Journalistin  von ihren Erfahrungen mit der DDR berichten und uns bezüglich des Themas „Ost-West-Konflikt“ Rede und Antwort stehen.  Mit ihrer extrovertierten Ausstrahlung teilt sie uns kokett, aber deutlich mit, dass sie das Thema, mit dem wir uns ein halbes Jahr beschäftigten absolut hirnrissig findet. Heutzutage würde überhaupt kein Problem hinsichtlich der Teilung Deutschlands bestehen. Ein Problem sei es wohl eher, dass dieses Thema  zum Problem gemacht werde. Die Wiedervereinigung war, so vermittelt sie uns lebhaft und dadurch glaubhaft, ein großes Ereignis der Freude. 

Sie prangert entnervt die Gemütslage vieler Deutscher an, die durch die  andauernde Verbreitung von Unmut  über den angeblichen West-Ost-Gegensatz den eigentlichen Fortschritt  des Zusammenwachsens übersehen. Sie wendet sich polemisch gegen die rückwärtsgewandte Haltung eines „Overkills der Aufarbeitung“ und setzt diesem ein positives Beispiel entgegen: Die Fernsehserie „Weißensee“  soll  zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit beitragen, indem sie sie in einem angenehm kleinen und realistischen Maßstab präsentiert. 
Gar kein Verständnis hat sie  für den in den neuen Bundesländern  weit verbreiteten positiven Blick auf die DDR. Zu diesem Standpunkt, den unsere letzte Diskussionspartnerin, Frau Enkelmann (Die Linke), vertreten hat,  kann Frau Mönch, untermalt mit einer vielsagenden Mimik, nur „Aaach…---Oooh jeee“ stöhnen. Denn als Gerichtsjournalistin in der DDR kann sie Frau Enkelmanns Ansicht, dass  die DDR kein Unrechtsstaat gewesen sei, weil es ein normales Strafgesetzbuch gab, nachdem korrekt geurteilt wurde, keineswegs teilen. Da sie den Alltag des Rechtswesens der DDR miterleben konnte, scheint sie gut beurteilen zu können, dass es eine große „rechtliche Grauzone“ gegeben hat, die schwer­wie­gen­des Unrecht zuließ. Extreme, aber reale Beispiele sind  das Verbot  der „Republik­flucht“ und der Schießbefehl  an der deutsch-deutschen Grenze. Be­rührend schildert sie - den Tränen nahe -, dass es für sie der unvorstellbare Horror war, über die  vielen Menschenrechtsverletzungen nicht berichten zu dürfen. Ihr waren die Hände gebunden und der Mund verboten, sie musste stillschweigend zusehen. Dies beeinträchtigte sie in ihrer Rolle als Journalistin: Frau Mönch sah sich in ihrer Freiheit stark beschnitten und in ihrer Würde verletzt: Sie konnte nicht schreiben, was sie für richtig hielt, und das, was sie schrieb, wurde zensiert, und oft wurden sogar die Aussagen der Artikel,  die unter ihrem Namen erschienen, verfälscht.
Besonders ihre  Erfahrungen während des Journalistikstudiums an der  Universität  Leipzig prägten ihr Bild der DDR. Diese Universität  war dafür bekannt,  ideologisch sehr linientreu zu sein. 

Wegen  der politischen Bedeutung des Journalismus hatten Behörden und die Staatssicherheit diesen Studiengang besonders unter Kontrolle. Schlimmer  noch als das Klima der Überwachung und Unterdrückung war für Frau Mönch die fehlende Solidarität der Mitstudenten: Wegen ihrer nichtkonformen Einstellungen wurde ein offizielles Verfahren im Hörsaal  der Universität gegen  sie durchgeführt. Die Gefahr bestand, dass sie von der Universität  exmatrikuliert würde.   Daher war es ein erschütterndes Erlebnis für sie, dass  fast alle Studenten auf die Tische hämmerten und „exen, exen!“ schrien. Interessant dabei ist, dass Frau Mönch, sicherlich wegen dieser und vergleichbarer Erfahrungen, die offiziellen SED-Mitglieder unmittelbar unangenehmer und bedrohlicher wahrnahm als die Stasi, die im Alltag verborgen agierte.

Frau Mönch litt schrecklich unter der „Erziehungsdiktatur“ der DDR, sie wollte als erwachsene Frau nicht wie ein kleines Kind bevormundet werden. Die Stasi ließ sie nie allein, nicht am Telefon, nicht zuhause und sogar bei einer Reise nach Holland sollte sie mitten auf der Straße aufgegriffen werden. Noch heute merkt man ihr die psychischen Qualen an, die sie über Jahrzehnte durchstehen musste. Warum sie denn nicht geflohen sei, will man wissen. Die Antwort ist aufgrund ihrer ehrlichen und sehr persönlichen Art überzeugend: Frau Mönch blieb wegen ihrer Familie und vor allem wegen ihres Mannes (Sie hatte sich in einen Kommunisten verliebt!). Doch die Wiedervereinigung war für sie eine „Lebensrettung“- lange hätte sie es nicht mehr durchgehalten.

Nach ihrer „Neugeburt“ durch die Wende wurde sie Redakteurin beim „Berliner Tagesspiegel“, heute ist sie erfolgreiche Autorin für das Feuilleton der FAZ. Ob in der DDR denn wirklich alles schlecht war und ob man nicht Ansätze aus der Bildungspolitik oder Frauenpolitik für die BRD übernehmen könnte, lautete die letzte Frage. Frau Mönch schrie regelrecht: „Nein! Nichts übernehmen- glaubt mir! Bitte- rein gar nichts!“

Julia S.