Neuigkeit: Mi, 30.09.2017 9 Uhr Dienstbesprechung, Feriensprechstunde Sekretariat Fr, 01.09.2017 von 9-14 Uhr
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Das Schiller-Gymnasium hat einen Ort des Gedenkens für seine Opfer der NS-Rassenpolitik

Eine alte, schlichte, ziemlich gebrauchte Schulbank steht in der Apsis vor der Aula, direkt gegenüber des Epitaphs für die Opfer des 1.Weltkriegs. Zwei vielleicht drei Schüler haben an oder besser in dieser Bank gelernt, das sieht man ihr an. Die Bank ist ein Symbol – wie könnte es anders sein. Ein Symbol für die vielen Jungen, denen auf Anordnung des Oberbürgermeisters nicht nur die Bildung verweigert wurde, sondern denen das verbrecherische NS-Regime das Lebensrecht verweigerte. Einige dieser Jungen konnten ins Exil gehen, mussten also ihre Heimat, meist ihre Eltern, Freunde und eben auch ihre Schule verlassen, um ihr Leben retten zu können. Vielen anderen und vielen Eltern ist das nicht gelungen. Die Geschichte kennt die Zahlen.

Die alte Schulbank symbolisiert das Ringen um ein angemessenes Gedenken. Wie können neue Generationen darüber nachdenken, es nachfühlen vielleicht, was es hieß, von einem Tag zum anderen „ausgesondert“ zu sein, um sein Leben und das seiner Familie fürchten zu müssen; das bisherige Leben verlassen zu müssen für ein unbekanntes, sicher angstvolles anderes Leben.

Vielleicht kann ein kurzer Moment des Innehaltens, des Nachdenkens eintreten, wenn sich ein heutiger Schüler oder eine Schülerin kurz in die Bank setzt und das Gedicht aus Majdanek liest:

Dieser Gedenkort ist in mehrfacher Hinsicht besonders, er ist ein Gedenkort von Schülern und Schülerinnen für Schüler und ihre Angehörigen. Drei Jahre hat eine Gruppe von Jugendlichen – am Anfang waren sie fast noch Kinder der 9. Klasse – intensiv gearbeitet, um dieses Denkmal verwirklichen zu können. Sie haben dabei nach und nach gelernt, was Gedenken bedeutet, dass es verschiedene Möglichkeiten des Gedenkens gibt.

Um verstehen zu können, was geschehen ist und was Gedenken bedeuten kann, haben sie sich mit ihren Begleiterinnen Frau Dr. Elke Gryglewski vom Haus der Wannsee-Konferenz und Frau Puchstein vom Schiller-Gymnasium auf eine lange und differenzierte Recherche begeben: zuerst zu Berliner Orten, z.B. zum Haus der Wannsee-Konferenz. Dort wurde problematisiert, wie die Schülerinnen und Schüler bzw. deren Familien die Shoah sehen. Für viele Schülerinnen und Schüler war es das erste Mal, dass sie einen persönlichen Bezug zu den Geschehnissen erkannten. Geschichte wurde konkret, persönlich, zum Teil emotional.

Die im folgenden Sommer durchgeführte Fahrt nach Polen, zu den ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagern, Ghettos und Todesfabriken war eine außerordentliche Herausforderung für alle Beteiligten, die die Schülerinnen und Schüler sehr bewegte und zum tieferen Nachdenken führte.  Die Erfahrungen schweißte die Gruppe zusammen, stärkte ihren Willen, einen angemessenen Gedenkort in ihrer Schule schaffen zu wollen. Viele der Denkmale, die sie auf dieser Fahrt sahen, führten zu regen Diskussionen  - so der sogenannte Rosengarten der Gedenkstätte Majdanek, oder der Baum des Gedenkens vor dem früheren Warschauer Gefängnis Pawiak.

Was würde in der Schule passen? Was ließe sich verwirklichen?

Die Reise zu den Ortes des Schreckens in Polen wurde in einer eindrucksvollen Veranstaltung mit den Rechercheergebnissen von Martina Knoll und Marcus Gryglewski zusammengeführt. Die bisher unbekannten Opfer bekamen nun Namen und Geschichten:

  • zum Beispiel Manfred Litten, dessen Leidensweg von Westerborg ins Ghetto Theresienstadt bis in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau führte, wo er am 28.2.1945 starb,
  • zum Beispiel Henry Ries, dem es nach Verhaftungen gelang, in die USA zu emigrieren

und viele andere, deren Schicksal in der Broschüre der Arbeitsgemeinschaft nachzulesen ist.

Am 11.11.2013 abends wurden ihre Namen an die Schulwand projiziert, weitere Namen wurden verlesen und das Kaddisch gesprochen. Symbolisch waren sie zurückgekehrt in ihre Schule.

Aber die Frage nach dem „richtigen“ Gedenken für die Zukunft war nach wie vor ungeklärt. In Polen war die Frage aufgetaucht, wie sich die deutsche Besatzung in anderen Ländern ausgewirkt hatte und es wurde geplant, dies am Beispiel Griechenlands zu untersuchen. So beschäftigte sich die AG im nächsten Jahr mit der Deportationsgeschichte der griechischen Juden in Thessaloniki und Athen und besuchte sogenannte Opfergemeinden wie Chartiati und Distomo. Die Jugendlichen wurden von der jüdischen Gemeinde in Thessaloniki sehr herzlich aufgenommen.

Der Auschwitz-Überlebende Heinz Kunio und seine Tochter konnten mit Hilfe des Auswärtigen Amtes nach Berlin eingeladen werden und so kam es zu einer zweiten sehr bewegenden Veranstaltung in der Aula des Schiller-Gymnasiums.

Heinz Kunio und seine Tochter waren über das Engagement der Jugendlichen außerordentlich erfreut und tief bewegt. Herr Kunio warb vor dem Hintergrund seiner tragischen Geschichte eindringlich für die Demokratie.

Die Entscheidung, wie in der Schule das Gedenken umgesetzt werden sollte, wurde in der folgenden Zeit auf demokratischem Weg, durch alle Instanzen der Schule, geklärt. Die Jugendlichen entschieden sich in ihrer Mehrheit für die nun realisierte symbolische Schulbank. Alle Gremien der Schule unterstützten diese Entscheidung. Auch der Bürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf förderte das Projekt von Anfang an und so konnte mit der Hilfe Vieler die Entscheidung für die Bank langsam umgesetzt werden.

Nun gibt es also diesen Ort des Gedenkens. Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern hat in langer, schwieriger, aber stets zielgerichteter Arbeit dafür Sorge getragen, dass künftige Schüler und Schülerinnen die Möglichkeit haben, sich allein, mit ihren Lehrern und Lehrerinnen oder mit ihren Eltern und Freunden am konkreten Ort des Geschehens mit Geschichte auseinanderzusetzen.

Es bleibt die Hoffnung und die Herausforderung, dass die Recherche über die vielen noch unbekannten Opfer der „Ausschulung“ der verschiedenen Schulen, aus denen das heutige Schiller-Gymnasium zusammengeführt wurde, weitergehen wird.

S. Puchstein

Zur Gedenkveranstaltung war wieder Herr Winter, als Zeitzeuge anwesend. Vielen Dank für Ihr Kommen!